Mittwoch, 17. Dezember 2014

Über die O-Antiphonen

Die O-Antiphonen


In der Zeit vom 17. bis 23. Dezember findet man in der katholischen Liturgie eine kostbare Tradition, die der Sehnsucht nach dem Erlöser einen besonderern Ausdruck verleiht. In der Vesper (des kirchliches Stundengebetes) werden zum Magnifikat die sogenannten "O-Antiphonen" gesungen (gebetet). 
Das "aufstrahlende Licht aus der Höhe" (Lk 1,78) - JESUS CHRISTUS - wird voll Vorfreude und in inständiger Weise erwartet und herabgefleht.

Bild Public Domain

BEGRIFF

Die "O-Antiphonen" werden so genannt, weil sie mit dem kurzen Ausruf "O ... veni" (d.h. "O ... komm") beginnen und das Kommen des HERRN erbitten. 
Mit "Antiphon" bezeichnet man einen Kehrvers bzw. einen Antwort- bzw. Wechselgesang. 
Im Fall der O-Antiphonen sind es die Kehrverse, die den Lobgesang Mariens einrahmen, das tägliche Magnifikat. 

"O" - kurz und doch tief

Wenn ein Mensch diesen Laut von sich gibt, ein solch kurzes, oder langes "O(h)", dann ist das meist Ausdruck von spontanen Emotionen, die z.B. ein verdutztes Erstaunen oder eine tiefe Sehnsucht zeigen. Es kann auch freudig überraschte, bis hin zu bedauernden Gefühlen lebhaft bezeugen. 
Kinder lieben es, wenn sie noch ganz klein sind, die Aufmerksamkeit der Erwachsenen mit diesem betonten "O...!" auf die vielen kleinen Dinge zu lenken, die sie mit Erstaunen betrachten. Da zeigt dann das kleine Fingerchen beispielsweise mit einem nachdrücklichen "O...!" auf etwas und möchte, dass jeder Andere auch mitstaunt. 
Dieser kleine Laut, dieses kürzere oder länger gezogene "O(oh)" ist trotz seiner Einfachheit doch irgendwie sehr aussagekräftig und auch intensiv. 
Es ist kein Wort im eigentlichen Sinn und sagt doch manchmal mehr als viele Worte zusammen.


Heute beginnen also diese "O-Antiphonen".



Zugegeben, wenn man seit über 25 Jahren täglich das Brevier betet, dann wird mancher Schatz darin einfach über's Jahr ein wenig alltäglich und man verliert doch immer wieder den Blick auf das innere Leuchten der einzelnen Kostbarkeiten.

So ist auch das tägliche Magnifikat zwar ein fester, gewohnter Bestandteil, den "man" kennt, aber es wird mal mehr, mal weniger intensiv wahrgenommen. Manchmal muss man schon bewusst inne halten, um es nicht einfach nur so "lesend-betend" oder zu "überlesen-betend" in diesem gewohnten Rahmen fast zu übersehen. 

Aber in den letzten sieben Tagen vor Weihnachten - da sind diese Kehrverse, diese Antiphonen, auf die ich mich jedes Jahr richtig freue. Sei der Advent zuvor besinnlich oder stressig gewesen, wenn die O-Antiphonen da sind, ist bald Weihnachten und sie sind wie eine Wegmarke zum Endspurt.
Besonders zwei davon liebe ich besonders und wenn ihr Tag gekommen ist, dann merke ich, wie sich alles schon von der Frühe an auf das Lob am Abend hin ausrichtet. 
Wenn es soweit ist und "meine" Lieblings-ANTIPHON endlich dran kommt, dann ist das immer etwas ganz Spezielles. Es ist, als ob es schon ein klein wenig Weihnachten ist, als ob schon ein kleines Licht durch das Schlüsselloch des festlich geschmückten, himmlischen Wohnzimmers  hindurchblinzelt und man bereits etwas vom Weihnachtsgeheimnis kosten darf, wie ein "Plätzchen zum probieren" vor der eigentlichen Weihnachtsfeier. 

Das Magnifikat ist an diesen sieben Tagen erfüllt von einer Freude und einer Erwartung, wie sonst das ganze Jahr über eigentlich nicht - einfach wegen dieser kleinen, mir so lieb gewordenen Kehrverse, die etwas vom Geheimnis ausdrücken, das im menschgewordenen WORT GOTTES in unsere Welt hinein getreten ist. 

Die große Sehnsucht und das Warten so vieler Generationen in der Vorzeit klingt herein.
Das Flehen und der Durst der ganzen Schöpfung, die nach dem ERLÖSER Ausschau hält, klingen wie ein fernes Echo mit.
Man kann darin etwas von der unglaublichen Weite über Raum und Zeit erahnen, die Völker und Generationen miteinander im Ruf nach dem RETTER und HEILAND vereint.

Und wenn dann diese Sehnsucht in den jeweiligen O-Antiphonen einen Ruf hinauf an den Himmel geworfen hat, dann folgt im Magnifikat schon der Lobgesang Mariens und der ganzen Braut Kirche.
Auf das Flehen der Hoffnung folgt das Lob der Erfüllung in Christus, die all das Sehnen und allen Durst stillt.
Wo Völker über Zeiten bange flehten "Komm!", da preist mit MARIA die ganze Kirche bereits mit Glaubens-Gewissheit DEN, DER ja auf dem Weg ist, DER nah ist, DER endlich kommt und in ewiger Liebe bereits da ist.


Selten ist mir persönlich dann innerlich so gegenwärtig, dass das Brevier - die heilige Pflicht - eigentlich weniger eine Pflicht ist, sondern vielmehr ein gewaltiges, heiliges Privileg und ein Geschenk. 
Es ist weniger ein verantwortungsvolles, treues "Müssen" in dieser "Pflicht", die ich übernommen habe, als so viel mehr ein kostbares, uns anvertrautes "Dürfen" im Glanz der Gemeinschaft über Zeit und Raum hinweg vor GOTTES Angesicht.

Man darf die eigene kleine Stimme im Auftrag und im Namen der Kirche und der ganzen Schöpfung einreihen in den unfassbaren Chor, der sich seit Zeiten und bis hin zum himmlischen Jerusalem zur Ehre GOTTES erhebt. Mit allen Propheten, mit all den Großen und Kleinen, mit all den Armen und Reichen, ... ist man in diesen uralten Worten der Psalmen, in diesen Rezitationen der Offenbarung GOTTES in der Schrift - vereint über alle Zeiten mit dem EWIGEN, DER herabstieg, um uns der Weg nach Hause zu sein.

Das ist mir in den O-Antiphonen auf eine ganz eigene Weise präsent. GOTT wird aus der Tiefe des Herzens und der Weite der Zeit vom Menschen voll Sehnsucht gerufen. Es sind die zutiefst messianischen Titel Jesu Christi mit alttestamentlichem Hintergrund, die nach dem Heil und der Vollendung im Himmlischen Jerusalem ausschauen. 
Diese Verse sind so etwas wie gewaltige Brücken zwischen dem Alten und dem Neuen Bund, zwischen hoffender Sehnsucht und ihrer Erfüllung in CHRISTUS. 

21. Dezember: O ORIENS - O MORGENSTERN
23. Dezember: O EMMÁNUEL - O IMMANUEL

Die Gottesnamen verknüpfen sich seit Zeiten - bis heute - mit inständigem Bitten um Offenbarung, Befreiung, Rettung, Leben und Freiheit, Leben und Gerechtigkeit, um Vollendung, um Heil und Hilfe usw. 
In Verbindung mit dem Magnifikat, das hier umrahmt wird, öffnet sich ein unglaublicher, innerer Spannungsbogen, der Himmel und Erde verbindet:
  • schmerzliche Sehnsucht trifft auf den Jubel des Glaubens.
  • uralte Hoffnung unter Tränen trifft auf Jubel der erfüllten Verheißung.
  • Durst trifft auf die Quelle des Lebens im Lob des LEBENDIGEN. 
  • tiefste Armut findet sich beschenkt vom HÖCHSTEN.
  • uralte Fesseln sehen bereits die ewig währende Freiheit der Erlösung.
  • Dunkelheit darf das LICHT erblicken. 
  • usw.
Es ist das GEIST-gewirkte Lob, das Maria anstimmt, als sie ihre Base Elisabeth besucht. 
Es ist die Antwort Mariens auf das Wunder der ersten Selbstoffenbarung des menschgewordenen ERLÖSERS, der als Ungeborener ein ungeborenes Kind (und seine Mutter) begnadet. (vgl. Lk 1,39ff) 
Es ist wie ein Echoleuchten des Jubels, den der GEIST GOTTES bewirkte, als die Gegenwart des noch ungeborenen ERLÖSERS den ebenso noch ungeborenen Vorläufer mit Freude erfüllte, die sogleich auf beide Mütter überging ...

Und all das ist eingerahmt von den O-Antiphonen, die in ihrem Rufen eine geheimnisvolle Antwort im Magnifikat finden. Mir sind sie einfach kostbar und wirklich jedes Jahr neu ein tiefes Erleben.

Es ist bei uns außerdem ein schöner Brauch, z.B. auf dem Adventskranz oder auch in der "Gebetsecke" die O-Antiphonen am jeweiligen Tag als Textkärtchen aufzustellen, so dass man im Endspurt vor dem Hochfest der Geburt CHRISTI immer wieder an dieses heilige Rufen erinnert wird und sie sich auch immer mehr zu eigen machen kann. 

Heute also die Erste der sieben O-Antiphonen:





Gesegneten Advent wünscht:
Michaela Voss