Montag, 8. Oktober 2012

Hildegard von Bingen - Kirchenlehrerin



Am 7. Oktober 2012 wurde die Heilige Hildegard von Bingen (mit Johannes von Avila) in Rom zur Kirchenlehrerin erhoben. 


Hildegard ist damit die vierte Kirchenlehrerin, nach Teresa von Avila (1515-1582), Katharina von Siena (1347-1380) und der heiligen Theresia von Lisieux (1873-1897).

Die Heilige Hildegard ist zwar sehr bekannt, was die Naturheilkunde betrifft, doch weniger populär sind die mindestens ebenso wichtigen Schriften über ein gesundes Seelenleben in der Gnade Gottes. Gerade die Abkehr von Sünde ist bei Hildegard eine der wichtigsten Grundlagen und sie sieht auch klar, dass Tugendübung, Heiligkeit und die Versöhnung mit Gott die wichtigsten Säulen für einen gesunden Geist und Leib sind. 


Die Ordung der Himmelskräfte und der Laster 
Im „Liber Vite Meritorum“ treten die Virtutes (Himmelskräfte) wie in einem Wettstreit gegeneinander an. Die Gegenüberstellung der Himmelskräfte und den dazu gehörigen Lastern, die in den Büchern Hildegards beschrieben werden, bilden die Basis unserer Interpretation und Inszenierung.


Humilitas (Demut)
Karitas (Liebe)
Timor Dei (Gottesfurcht)
Castitas (Keuschheit)
Innoncentia (Unschuld)
Contemptus mundi (Weltverachtung)
Misericordia (Barmherzigkeit)
Victoria (Sieg)
Discretio (Unterscheidungskraft, Maß)
Patiencia (Geduld)
Celeste gaudium (Himmlische Freude)
Salvatio animarum (Seelenheil)
Verecundia (Schamhaftigkeit)
Superbia (Hochmut)
Invidia (Mißgunst)
lnanis gloria (Ruhmsucht)
Luxuria (Wollust)
Kind der Castitas
Cupiditas (Habsucht)
Obduratio (Herzenshärte)
Ignavia (Feigheit)
Immoderatio (Maßlosigkeit)
Ira (Zorn)
Tristitia seculi (Weltschmerz/Dissonanz)
Perditio animarum (Verstocktheit)
Joculatrix (Vergnügungssucht)




Papst Benedikt XVI. sprach über Hildegard während der Generalaudienz am 1. September 2010 und kurz darauf hier ausführlicher bei Generalaudienz am 8. September 2010:

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"Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich die Gedanken über die hl. Hildegard von Bingen wieder aufnehmen und fortsetzen: eine bedeutende Frauengestalt des Mittelalters, die sich durch geistliche Weisheit und Heiligkeit des Lebens auszeichnete. Hildegards mystische Visionen ähneln denen der Propheten des Alten Testaments: Sie drückte sich in den kulturellen und religiösen Begriffen ihrer Zeit aus und interpretierte die Heilige Schrift im Licht Gottes, indem sie sie auf die verschiedenen Lebensumstände anwandte. 
Alle, die ihr zuhörten, fühlten sich aufgefordert, einen konsequenten und engagierten christlichen Lebensstil zu praktizieren. In einem Brief an den hl. Bernhard bekennt die rheinische Mystikerin: »Mein ganzes Sein ist in die Schau einbezogen: Ich schaue nicht mit den leiblichen Augen, sondern sie erscheint mir im Geist der Mysterien… Ich kenne die tiefe Bedeutung dessen, was im Psalter, in den Evangelien und in anderen Büchern dargelegt ist, die mir in der Schau gezeigt werden. Sie brennt wie eine Flamme in meiner Brust und in meiner Seele und lehrt mich, den Text in seiner ganzen Tiefe zu verstehen« (Epistolarium pars prima, I–XC: CCCM 91).
Hildegards mystische Visionen sind reich an theologischen Inhalten. Sie nehmen Bezug auf die wichtigsten Ereignisse der Heilsgeschichte und bedienen sich in erster Linie einer poetischen und symbolischen Sprache. In ihrem bekanntesten Werk, das den Titel Scivias trägt – das heißt »Wisse die Wege« –, faßt sie zum Beispiel in 35 Visionen die Ereignisse der Heilsgeschichte zusammen, von der Schöpfung der Welt bis zum Ende der Zeiten. 
Mit den für die weibliche Sensibilität charakteristischen Zügen entfaltet Hildegard im zentralen Abschnitt ihres Werkes das Thema der mystischen Vermählung zwischen Gott und der Menschheit, die in der Menschwerdung Wirklichkeit wurde. Am Baum des Kreuzes vollzieht sich die Vermählung des Sohnes Gottes mit der Kirche, seiner Braut, die voll der Gnade ist und befähigt wurde, Gott neue Kinder zu schenken, in der Liebe des Heiligen Geistes (vgl. Visio tertia: PL 197,453c).

...

An eine weibliche Ordensgemeinschaft schrieb Hildegard zum Beispiel: »Das geistliche Leben muß mit viel Hingabe gepflegt werden. Am Anfang ist es mühsam und bitter. Man muß manch Äußerlichkeiten und fleischlichen Gelüsten und anderen ähnlichen Dingen entsagen. Aber wenn man sich von der Heiligkeit faszinieren läßt, dann wird eine heilige Seele die Abkehr von der Welt als süß und erfüllend empfinden. Man muß nur klug darauf achten, daß die Seele nicht verwelkt« (vgl. E. Gronau, Hildegard, Prophetische Lehrerin der Kirche an der Schwelle und am Ende der Neuzeit, Stein am Rhein 1999). 

Und als Kaiser Friedrich Barbarossa eine Kirchenspaltung hervorrief, indem er gegen den rechtmäßigen Papst Alexander III. gleich drei Gegenpäpste aufstellte, zögerte Hildegard nicht, ihn von ihren Visionen inspiriert daran zu erinnern, daß auch er, der Kaiser, dem Urteil Gottes unterworfen war. ...

Mit der geistlichen Autorität, die ihr zu eigen war, machte sich Hildegard in ihren letzten Lebensjahren auf, um trotz ihres vorgerückten Alters und der Mühsal, die das Reisen bedeutete, zu den Menschen von Gott zu sprechen. 
Alle hörten ihr gerne zu, auch wenn sie einen strengen Ton anschlug: Sie wurde als eine von Gott gesandte Botin betrachtet. Sie ermahnte vor allem die Klostergemeinschaften und den Klerus zu einer Lebensführung, die ihrer Berufung entsprach.
...
Insbesondere trat Hildegard der Bewegung der deutschen Katharer entgegen. Diese – Katharer heißt wörtlich die »Reinen« – traten für eine radikale Reform der Kirche ein, vor allem, um Mißbräuche durch den Klerus zu bekämpfen. 
Sie warf ihnen mit harten Worten vor, das Wesen der Kirche verändern zu wollen, und erinnerte sie daran, daß eine wahre Erneuerung der kirchlichen Gemeinschaft nicht so sehr durch die Veränderung von Strukturen erlangt wird, sondern vielmehr durch einen aufrichtigen Geist der Buße und einen tätigen Weg der Umkehr. 

Dies ist eine Botschaft, die wir nie vergessen sollten. 
Wir wollen stets den Heiligen Geist bitten, daß er in der Kirche heilige und mutige Frauen wie die hl. Hildegard von Bingen erwecke, die in der Wertschätzung und mit dem Einsatz der von Gott empfangenen Gaben ihren eigenen wertvollen Beitrag leisten zum geistlichen Wachstum unserer Gemeinden und der Kirche in unserer Zeit."
(zusätzliche Hervorhebungen!)


Auch im Hinblick auf die Kirche zitierte Papst Benedikt XVVI. eine Vision der Heiligen Hildegard am 10. Dezember 2010:
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„Im Jahre 1170 nach Christi Geburt lag ich lange krank danieder. Da schaute ich, wach an Körper und Geist, eine Frau von solcher Schönheit, daß Menschengeist es nicht zu fassen vermochte. Ihre Gestalt ragte von der Erde bis zum Himmel. Ihr Antlitz leuchtete von höchstem Glanz. Ihr Auge blickte zum Himmel. Bekleidet war sie mit einem strahlendhellen Gewand aus weißer Seide und einem Mantel, besetzt mit kostbaren Steinen. An den Füßen trug sie Schuhe aus Onyx. Aber ihr Antlitz war mit Staub bestreut, ihr Gewand war an der rechten Seite zerrissen. Auch hatte der Mantel seine erlesene Schönheit verloren, und ihre Schuhe waren von oben her beschmutzt. Mit lauter, klagender Stimme schrie sie zum hohen Himmel hinauf: Horch auf, Himmel; mein Antlitz ist besudelt! Trauere, Erde: mein Kleid ist zerrissen! Erzittere, Abgrund: meine Schuhe sind beschmutzt!

Und weiter sprach sie: Im Herzen des Vaters war ich verborgen, bis der Menschensohn, in Jungfräulichkeit empfangen und geboren, sein Blut vergoß. Mit diesem Blut, als seiner Mitgift, hat er mich sich vermählt.

Die Wundmale meines Bräutigams bleiben frisch und offen, solange die Sündenwunden der Menschen offen sind. Eben dieses Offenbleiben der Wunden Christi ist die Schuld der Priester. Mein Gewand zerreißen sie dadurch, daß sie Übertreter des Gesetzes, des Evangeliums und ihrer Priesterpflicht sind. Meinem Mantel nehmen sie den Glanz, da sie die ihnen auferlegten Vorschriften in allem vernachlässigen. Sie beschmutzen meine Schuhe, da sie die geraden, das heißt die harten und rauhen Wege der Gerechtigkeit nicht einhalten und auch ihren Untergebenen kein gutes Beispiel geben. Dennoch finde ich bei einigen das Leuchten der Wahrheit.

Und ich hörte eine Stimme vom Himmel, die sprach: Dieses Bild stellt die Kirche dar. Deshalb, o Mensch, der du das schaust und die Klageworte hörst, künde es den Priestern, die zur Leitung und Belehrung des Gottesvolkes bestellt sind und denen gleich den Aposteln gesagt wurde: ‚Geht hinaus in die Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!’ (Mk 16, 15)“ (Brief an Werner von Kirchheim und an seine Priestergemeinschaft: PL 197, 269ff).

Das Gesicht der Kirche ist in der Vision der heiligen Hildegard mit Staub bedeckt, und so haben wir es gesehen. Ihr Gewand ist zerrissen - durch die Schuld der Priester. So, wie sie es gesehen und gesagt hat, haben wir es in diesem Jahr erlebt. Wir müssen diese Demütigung als einen Anruf zur Wahrheit und als einen Ruf zur Erneuerung annehmen. Nur die Wahrheit rettet. Wir müssen fragen, was wir tun können, um geschehenes Unrecht so weit wie möglich gutzumachen. Wir müssen fragen, was in unserer Verkündigung, in unserer ganzen Weise, das Christsein zu gestalten, falsch war, daß solches geschehen konnte. Wir müssen zu einer neuen Entschiedenheit des Glaubens und des Guten finden. Wir müssen zur Buße fähig sein. Wir müssen uns mühen, in der Vorbereitung zum Priestertum alles zu versuchen, damit solches nicht wieder geschehen kann. Es ist dies auch der Ort, all denen von Herzen zu danken, die sich einsetzen, den Opfern zu helfen und ihnen das Vertrauen zur Kirche, die Fähigkeit, ihrer Botschaft zu glauben, wiederzuschenken. Bei meinen Begegnungen mit Opfern dieser Sünde habe ich immer auch Menschen getroffen, die mit großer Hingabe den Leidenden und Geschädigten zur Seite stehen. Es ist Anlaß, dabei auch den vielen guten Priestern zu danken, die die Güte des Herrn in Demut und Treue weitertragen und mitten in den Zerstörungen Zeugen sind für die unverlorene Schönheit des Priestertums.

Der besonderen Schwere dieser Sünde von Priestern und unserer entsprechenden Verantwortung sind wir uns bewußt. Aber wir können auch nicht schweigen über den Kontext unserer Zeit, in dem diese Vorgänge zu sehen sind. Es gibt einen Markt der Kinderpornographie, der irgendwie von der Gesellschaft immer mehr als etwas Selbstverständliches angesehen zu werden scheint. Die seelische Zerstörung der Kinder, in der Menschen zum Marktartikel gemacht werden, ist ein erschreckendes Zeichen der Zeit. Von Bischöfen aus den Ländern der Dritten Welt höre ich immer wieder, wie der Sextourismus eine ganze Generation bedroht und sie in ihrer Freiheit und Menschenwürde beschädigt. Die Apokalypse des heiligen Johannes rechnet es unter die großen Sünden Babylons, das heißt der gottlosen Riesenstädte der Welt, daß sie mit Leibern und mit Seelen Handel treiben und sie zur Ware machen (Apk 18, 13). In diesem Zusammenhang steht auch das Problem der Droge, die mit wachsender Gewalt ihre Polypenarme um den Erdball streckt – sichtbarer Ausdruck der Diktatur des Mammons, der den Menschen pervertiert. Alle Lust wird zu wenig, und die Übersteigerung in der Lüge des Rausches wird zur Gewalt, die ganze Regionen zerfleischt und dies im Namen eines fatalen Mißverständnisses von Freiheit, bei dem gerade die Freiheit des Menschen untergraben und schließlich vollends aufgelöst wird."




HIER findet man das Dekret der Heiligsprechung